Drangsal: „Ich habe den Eindruck, dass die Leute das Ganze als viel grösser empfinden, als es ist.“

Kurz vor seinem Konzert in Luzern haben wir den deutschen Singer-Songwriter Drangsal zum Interview getroffen.

Wie wir bereits berichtet haben, kam Drangsal für zwei Konzerte in die Schweiz. Wir konnten ihn für ein kleines Interview im Konzerthaus Schüür in Luzern treffen. Obwohl Drangsal der Ruf voreilt, ein eher schwieriger Interviewpartner zu sein, entwickelte sich das Interview zu einem lockeren Gespräch mit Bier & Kaffee. Hier zeigen wir einen Ausschnitt aus ebendiesem Gespräch:

Ich war überrascht, dass Konzert im Erdgeschoss stattfindet. Ich vermutete, ihr würdet einige Tickets verkauft haben.

Drangsal: Nee ich war das überhaupt nicht. Das ist aber ein generelles Problem in der Schweiz für viele Bands. War klar, dass wir das oben nicht machen können. In Deutschland spielen wir jeweils vor so 1000 Leuten und hier so vor 80 bis 100. Das macht mir aber überhaupt nichts aus. Ich kann dir aber sagen, woran dass es liegt, falls es dich interessiert. Es liegt daran, dass in Deutschland übelstkrass Promo mehr gemacht wird als hier. Mein Label Caroline (Indie Sub Label von Universal) hat dafür ein Dedicated Office. Da sitzen zwanzig Leute und die kümmern sich dann einen Zeitraum nur um einen Artist und machen halt Promo – weswegen ich dann auch bei quasi jedem TV-Sender in Deutschland war. Jedem Magazin. Jeder Radiostation! Und dies zieht dann halt in Deutschland Leute an… Das gibt es halt in der Schweiz nicht. In der Schweiz gibt es dann von Universal bloss einen Newsletter als Promo.

Was magst du lieber: Wenn die Leute bewusst wegen dir kommen oder als Resultat durch die ganze Promo?

Ich glaube dass die Leute, die mich hören, allgemein klug genug sind, um selbst zu entscheiden, ob sie kommen, weil ihnen meine Musik gefällt oder dann halt nicht kommen… (schmunzelt) Und nicht bloss als Resultat der Werbung. Aber eigentlich spielt es mir keine Rolle. Die Gap zwischen Deutschland und dem Ausland ist einfach riesig auf Tour. Aber man muss sich bewusst bleiben, dass wir eine Indieband sind. Ich habe den Eindruck, dass die Leute das Ganze als viel grösser empfinden, als es ist. Ich bin genau so gross wie „Die Nerven“ , „Isolation Berlin“ oder so! Verkauf vieleicht minimal mehr Platten. Wir spielen auf dieser Tour die grössten Konzerte, die wir je gespielt haben. Aber die Schweiz ist ja für jeden deutschen Künstler der absolute Horror.

Weshalb?

Du musst überlegen: Auch ein Casper spielt hier seine kleinsten Shows. Und auch wir können in Deutschland in 5x grösseren Hallen spielen. Und alles ist ausverkauft. Die Schweiz muss man sich glaube ich einfach erspielen. 

Ist Drangsal eine Kunstfigur von dir oder nicht?

Es ist schon auch eine künstliche Performance. Aber eine ehrliche! Ich schminke und verkleide mich gerne. Klar handelt es sich um eine Show, was aber nicht heisst, dass es nicht ehrlich ist. Es kommen einfach gewisse Aspekte der eigenen Persönlichkeit auf der Bühne stärker als sonst zum Vorschein. Ist halt Theater am Ende des Tages. Aber das Fundament bin ja ich.

Wie war die grosse Interviewtour in der Promophase? Wie oft wurdest du gefragt….

…ob ich auf Deutsch singe? 

Genau. Weshalb singst du auf Deutsch? Warum klingst du wie Farin Urlaub?

SIEBENHUNDERTMAL! Nein keine Ahnung, hab leider nicht gezählt, weils einfach zu krass war. Ich versuch ja immer nett zu sein und die Fragen ehrlich zu beantworten. Aber es gibt Fragen, da bin ich echt der Meinung, da hab ich nun hundertmal darüber gesprochen…. das ist jetzt durchexerziert. 

Seit dem 18. Februar hat Drangsal einen gemeinsamen Podcast mit Casper. Die beiden sprechen darin über Musik, Touranekdoten und ihre eigenen Werke. Durch diese Podcasts erfährt man recht viel über die beiden Personen hinter den Künstlern.

War dein Podcast ein Versuch, dass du weniger Interviews geben musst?

Nö. Ich hab das Gefühl, der Podcast ging los, als die Platte schon draussen war. Wäre aber eine clevere Idee gewesen. Ben und ich hatten da einfach Bock drauf. 

War die erste Single „Turmbau zu Babel“ ein lausbübischer Streich, um alle zu verwirren?

Klar ich hätte eine andere Single wie „Arche Gruber“ wählen können . Dann wäre niemand überrascht gewesen.  Aber so Konsens ist nicht meins. Deswegen fand ichs halt so spannend „Turmbau zu Babel“ rauszuhauen. Weil der halt komplett mit dem was vorher war bricht. Ich mag es halt einfach, wenn man die Leute so aufreibt. So, dass die Leute sagen: ‚Was soll den der Scheiss?‘ Oder es mögen. Wichtig ist hauptsächlich, dass darüber gesprochen wird. 

In diesem Fall war die Geschichte mit “ Schau mich an / Ich werde älter..“ die Auflösung des Streichs?

Ja, dass zeichnete sich in der Produktion mehr und mehr ab. Denn er wäre eigentlich nicht dafür gedacht gewesen. Als uns die Idee bewusst wurde, haben wir es halt noch übertrieben. Fand ich schon sehr funny! 

Was hat das mit der Reibung auf sich? Hauptsache provozieren, aus Langeweile?

Keine Ahnung, wahrschienlich wirklich aus Langeweile. Ich kanns halt einfach nicht lassen. Ist eine Art Sucht oder ein Mittel sich interessanter zu gestalten. So quasi: Hier ist mein Song und fickt euch!

Es wirkt aber so, als ob diese Provokation früher besser funktionierte.

Doch doch, das klappt immer noch. (lacht) Aber so funktioniert der deutsche Journalismus auch.

War die Textstelle „Die heutige Republik ein Parasit für die innere Republik“ kalkulierte Provokation?

Nein, es reimte sich halt geil.  Aber ich hätte schon gedacht, dass sich mehr Leute daran störren. Aber ich find halt schon dass der Löwenanteil der heutigen Musik parasitär ist. Aber manche Leute mögen solche Verhältnisse ja. Ich weiss nicht, ich find halt einfach viele Sachen doof.

Wie erklärst du dir dass die meisten deiner Songs einen 80er Jahre Vibe haben?

Ich weiss gar nicht, sobald ich eine Gitarre in der Hand habe, kommt sowas raus… Das ist die Musik, die ich mag und fühle.

Von wo kommt die Freude an den grossen Gesten und all dem Pathos? 

Oh ich weiss gar nicht. Ich bin einfach schon sehr früh mit solchen Sachen in Berührung gekommen. Die Eckpfeiler meiner Jugend waren Marilyn Manson und Morrissey (The Smiths). Das waren so meine grossen Helden. Aber ich meine die sind jetzt beide echt schrottig. Echt sad!  Wie die nun geworden sind, so aufgedunsen von dem ganzen Kokain und so, dass ist doch nicht geil!

In den meisten Interviews wirkt es so, als ob die Journalisten Angst hätten, dir deine Stimmung zu vermiesen. Wie erklärst du dir, dass die dich so übertrieben nett und fürsorglich behandeln?

Hey ich bin doch auch nett! Aber es stimmt schon. Meine Toleranzgrenze für Bullshit ist grösser geworden. Aber mann muss ich auch nicht alles gefallen lassen – besonders nicht von deutschen Journalisten! Da wird einfach ein Fragenkatalog hinuntergelsesen, mit immer den selben Fragen: Weshalb Farin Urlaub? Warum deutsch? Wer ist das auf dem Cover? Was heisst Drangsal? Man merkt halt direkt, dass die allerhöchstens den Pressetext gelesen haben. Das interessiert doch keinen Menschen und es entsteht nicht einmal ein Gespräch wie hier. Und ich bin zu wenig cool um fies zu sein.

Anmerkungen der Redaktion zu ebendiesen inflationär verwendeten Fragen: Drangsal bedeutet „qualvolle Bedrückung, Leiden“. Auf deutsch hat Max Gruber bereits auf dem ersten Album gesungen. Der Link Farin Urlaub sei Zufall und nein, er sei kein Ärzte Fan. Sie waren ihm immer etwas zu „trollig“. Auf dem Cover ist er und seine Familie abgebildet, er ist der kleine Junge.

Da hab ich wohl Glück gehabt!

Weshalb? Wir haben doch ne gute Zeit!

Ja, dann komm ich mal zu den „deutschen Journalisten“ Fragen. Immer wieder beziehst du dich auf den Einfluss deiner Heimat. Ist der tatsächlich so gross, wenn du mit 18 Jahren nach Berlin gezogen bist?

Ich hab ja immer noch den Grossteil meines Lebens da verbracht. Und ich merk schon, dass man ein eigener Schlag Mensch ist. Ich glaub das hat jeder Ort. Ich hab das Gefühl, wir sind vor allem besonders stur und auf eine gute Art und Weise egoistisch. Es ist dir total egal, wie andere Leute dich finden – weswegen man auch oft über die Strenge schlägt.

Wie fühlte es sich an, aus der ländlichen Gegend in die Grossstadt zu ziehen? Fehlte dir die Bühne für deine Provokation?

Ja, das war schon hart. Jedenfalls am Anfang. Es lohnte sich dann halt auf einmal nicht mehr, gab halt keine Reaktion. Hab dann aufgehört. War, glaub ich jedenfalls, ganz gut so.

Wer oder was ist Zores? (Anm. d. Red.: Der Albumtitel seines diesjährigen Albums)

Ich finde das Wort schlägt einfach einen extrem guten Bogen für das Bild, welches ich in den letzten Jahren nach Aussen getragen habe. Und das Wort ist einfach cool, ne?

Wie ist es, in der Schweiz zu spielen? Abgesehen von den kleineren Hallen.

Kuck mal, Markus Rieger („Die Nerven“) hat mal gesagt: „In der Schweiz scheinen die Leute nicht so dankbar. Die haben nicht das Gefühl, sie seien der Band was schuldig. Mehr so à la: Schön, dass ihr hergekommen seid. Weil den Leuten in der Schweiz geht es eigentlich ganz gut.“ Also ich zitiere jetzt nur. „Weil die Leute in der Schwiez haben keine Identitätskrisen, weil denen gehts gut.“ Sehr drastisch formuliert natürlich. Wie bereits gesagt, das Schweizer Publikum muss man sich glaub ich einfach erspielen. Aber ich kenn halt keine Schweizer. Ausser Stephan Eicher. Und den Dagobert…. Das sind die einzigen beiden Schweizer, die ich kenne. Und dich.

Aber ich freu mich auch sehr wenn heute 40 Leute hier sind die wirklich Bock darauf haben!

Dann gutes Konzert und vielen Dank!

Nichts zu danken! Nicht dafür. Sind wir uns eigentlich schon mal begegnet? Bin mir ziemlich sicher.

Also ich sah euch am Open Air St. Gallen.

Ah, du hast doch diese komische Band interviewt, die vor uns spielte?

Mit diesen Worten beenden wir das Interview. Bei der „komischen“ Band handelt es sich übrigens um One. Sentence Supervisior. Das Interview findet man hier. Das Konzert in der Schüür wurde dann von etwa 70 Leuten besucht und wurde souverän gespielt. Wer Drangsal auf dieser Tour live erleben möchte, hat in Deutschland noch die Möglichkeit. Hier sind die Daten.