Am Rewire wurden Club und Kirche eins

Orange Peel ist der Festivalmasse in Den Haags Konzertsäle und Kirchen gefolgt – Erleuchtung war quasi vorprogrammiert.

Klassik trifft auf Nischenkultur, Politik auf Transzendenz. Was das Rewire inhaltlich bietet, könnte man auch über die Stadt Den Haag sagen. Dort, wo unter anderem der internationale Gerichtshof sitzt, vereinen sich Gegensätze visuell wie ideell. Dass das öfter clasht, ist klar. Manchmal ergeben sich daraus aber auch die inspirierendsten Verbindungen. Während der drei Festivaltage hat Den Haag zumindest musikalisch beides bewiesen.

Nach einem Gratis-Konzert in einer der vielen Stadtkirchen startete das Rewire am Freitag offiziell mit einem Symposium zum Thema „Instrumental Shifts“. Den Kick-off fürs Musikprogramm lieferten am Abend die Holländer Niels Broos und Jamie Peet. Die Show im Konzertsaal im Kulturhaus Korenhuis lieferte jazzy Impro, so lässig und wild wie Youtube-Videos es vermuten liessen, nur intensiver. Kurzum: ein vielversprechender Start.

Ein Versäumnis und ein erstes High

Die nächste stellte sich für gemunkelt 300 Festivalgäste leider als gar keine Show heraus: Als wir 20 Minuten vor Konzertbeginn an der Koninklijke Schouwburg, dem ältesten Theater Hollands, angekommen waren, reichte die Schlange bereits die Strasse entlang und ums Eck. Tim Hecker & Konoyo Ensemble spielten vor vollem Haus – ohne uns.

Mohammad Reza Mortazavis Solo-Show im Koorenhuis war hingegen gerade voll genug, dass sich das Publikum sitzend und liegend auf dem Boden ausbreiten konnte; es war perfekt für die Trance, die der Deutsch-Iraner mit nichts als Tombak, Daf und zwei Händen bei sich selber und im Publikum auslöste. Der Applaus gehörte zu den euphorischsten des Wochenendes, die Zugabe war die vielleicht Einzige.

 

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Nach dem spirituellen Mortazavi-Moment füllte Techno-Newcomerin Astrid Sonne die Luterske Kerk mit einem Streicher-Trio und ihrem sphärischen DJ-Set. Beides für sich klang toll, die Performance blieb jedoch mehr Ping-Pong statt Kernschmelze.

Eine falsche Location und zwei mal mehr Trance

Den Samstag starteten wir mit Eli Keszler, der den Theatersaal im Korzo allein mit seinem Drumkit und Elektronik beschallte. Wie versiert er laut und leise, die Höhen und Tiefen auslotete, war erst fesselnd, nach 50 Sitz-Minuten dann doch eher ermüdend.

Im Anschluss spielte Mortazavi seine zweite Festival-Show im Duo mit Burnt Friedman. Während die Yek-Performance einigen Kollegen „zu esotherisch“ war, verschmolzen Mortazavis Trommeln für uns auch mit Technik unterlegt wieder zu Trance.

Einen ähnlichen Zustand löste auch die 75-minütige Show von Low im grossen Saal des Paard aus: den Indie-Legenden gelang die perfekte Balance zwischen Ruhe- und Psychedelik-Polen: die Zeit schien sich ins Unendliche zu dehnen.

Lucretia Dalt spielte ihr Set am Sonntag ohne Alessandra Leone, die leider kurzfristig absagen musste. Ihre Show funktionierte auch ohne die geplanten Visuals, Dalt erinnerte mit politisch geladenem Sprechgesang und sporadisch explodierenden Techno-Klängen an eine Schauspiel-Version von Marie Davidson. Das Setting im Theatersaal des Korzo machte Sinn.

Die mechanischste Club-Musik seit eh und je und vielleicht eine Erleuchtung

Pierre Bastien & Tomaga – wie Dalt ein Other People Showcase – gehörten für uns zu den experimentellsten Rewire-Momenten: Die Handys zückten für Bastiens selbstgebastelte Instrumente im Minutentakt, immer dann, wenn der Mitte 60-Jährige werkelte und einen neuen unerwarteten Ton ausspuckte. Die Kollaboration lieferte auch die besten nachmittäglichen Club-Vibes, das Finale liess den vollen Saal wippen.

Bild: Pierre Bastien presst aus den skurrilsten Maschinen Töne. © Rewire / Jan Rijk

Patrick Higgins Setting konzentrierte sich wiederum ganz auf den Solo-Act, der in seinem Fall mit Gitarre und Elektronik verkabelt mittag auf der Bühne sass. Der New Yorker spielte seinen aktuellen Release Dossier. Wer das Thema des Albums kannte – Politik, Erotik und Gewalt des modernen digitalen Lebens –, spürte es durch Higgins angriffig verzerrte Gitarre und seine psychedelischen Ausschweife in jeder Faser.

 

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Den Haags Stadtkirche war zum Finale am Sonntagabend schon beim gemeinsamen Auftritt von Iona Fortune und dem Drohnenchor NYX zum Bersten voll. Nach dem Run auf Tim Hecker am Freitagabend wollte sich diesmal jeder seinen Platz frühzeitig sichern. Und der Techno-Chor belohnte uns mit einer Kirchenerfahrung der anderen Art, das Publikum erstarrte in stiller Trance. Nicolas Jaars Gruppenshow knüpfte schier nahtlos an und schuff dem vorgängigen Hype gerecht ein Momentum on top.

Bild: Iona Fortune und ihr Drohnenchor NYX in Den Haags Stadtkirche. © Rewire / Jan Rijk

Grenzüberschreitend, wie sein Ruf es nahelegt, fühlte sich das Rewire auch 2019 immer wieder an. Bei einigen Acts minimierte sich das Publikum nach wenigen Show-Minuten. Manchmal, wie bei Mohammad Reza Mortazavi, Low, Patrick Higgins oder Nicolas Jaar, kam die Masse im gemeinsamen Musikgottesdienst einer Erleuchtung nah.

Das Rewire 2020 hat bereits ein Datum: Vom 3. bis 5. April wird das Festival zum 10. Mal stattfinden.  

Bild ganz oben: Nicolas Jaar & Group bei der Premieren-Performance in Den Haag. © Rewire / Jan Rijk