Bill Ryder-Jones im Interview: «Es hätte schlechter ausgehen können»

Vor seinem Konzert in Zürich haben wir Bill Ryder-Jones zu Performance-Panik und der Heilkraft von Musik befragt.

Bill Ryder-Jones ist der Musikwelt weit kein Unbekannter. Der Brite war von 1996 bis 2008 Lead-Gitarrist der Psych-Rock-Band The Coral. Es waren steinige Jahre mit Zwangspausen bis er seiner psychischen Gesundheit wegen einen endgültigen Schlussstrich zog.

Seither arbeitete Ryder-Jones als Komponist und Produzent, spielte unter anderem für The Last Shadow Puppets und die Arctic Monkeys Gitarrenparts und produzierte die Debütalben für The Wytches und Hooton Tennis Club mit.

Seit 2011 veröffentlichte der inzwischen 35-Jährige regelmässig solo Musik. Yawn, sein aktuelles Album, offenbart einmal mehr dessen Talent für rohes Songwriting und Minimal-Melodien, in denen selbst Noise-Gitarren Ruhepole bilden. Vor seinem Konzert in Zürich hat uns der Vollblutmusiker einige Fragen per Mail beantwortet.

Melanie: Bill, dein Album Yawn fühlt sich tatsächlich ein bisschen nach einem Gähnen an – im besten Sinne. Es fühlt sich nach Loslassen an, so offen, roh, und am Ende kehrt das Gefühl von Ruhe ein.

Bill: Das ist eine schöne Interpretation. Ich glaube, es ist auch tatsächlich ein Loslassen, wie Musik es oft ist. Ich sah den Titel erst eher als Witz: Da mache ich ein Downbeat-Album, das sogar für meine Standards sehr langsam ist, und dann nenne ich es Yawn, ein grosses Gähnen. Die tiefere Bedeutung kam definitiv erst später dazu.

Was bedeutet dir dieses Album im Vergleich zur Musik, die du früher veröffentlicht hast?

Ich kann nicht genau sagen, was es mir bedeutet. Wenn ich ehrlich bin, habe ich Mühe es mir anzuhören. Es gibt mir kein gutes Gefühl. Die Arbeit daran fühlte sich aber gut an.

Was fühlt sich beim Hinhören ungut an?

Ich mache mir rückblickend etwas Sorgen um den geistigen Zustand, in dem ich war, als ich es geschrieben habe.

Wie fühlt es sich an, die Songs live zu spielen?

Da versuche in erster Linie, die Töne zu treffen. Zu performen fällt mir tendenziell schwer, ich bin selten voll im Moment. Alkohol hilft mir Shows zu geniessen. Er hilft wohl etwas zu sehr.

Du sprichst dich schon lange zum Thema Mental Health in der Musikindustrie aus. Hast du das Gefühl es tut sich etwas?

Ja, und nicht nur in der Musikszene, auf allen Bühnen des Lebens. Die öffentliche Diskussion von Mental-Health-Themen ist endlich eine gesunde, und das wird Leben retten. Jetzt, wo ich hier darüber schreibe, scheinen meine eigenen Kämpfe nicht gerade leichter zu werden. Aber wer weiss, vielleicht habe ich einfach eine schlechte Woche.

Hast du einen Rat für junge Musiker, die in der Industrie bestehen, aber nicht ihre Gesundheit dafür opfern wollen?

Umgebt euch mit guten Leuten, die euch lieben. Ich glaube, das ist tatsächlich das einzige, worum man sich bemühen sollte.

Ryder-Jones wirkte 2016 in einem Kurzfilm zum Thema Mental Health in der Musikbranche mit. 

In einem Portrait fürs Q Magazine meintest du, dass dir das Schreiben hilft, Gefühle in Worte zu fassen, sie gewissermassen an einem anderen Ort zu deponieren. Du meintest, das hebt deine Stimmung. Glaubst du Musik hilft dir beim Heilen, seit du verstanden hast, dass du Hilfe brauchst?

Vielleicht, ja. Zu verstehen, was in einem vorgeht, ist ein riesiger Schritt im Behandlungsprozess. Songs zu schreiben hat zwar nichts grundlegend verändert, aber es hat dem Ganzen definitiv etwas Schwere genommen.

Fühlst du dich inzwischen besser? Oder zumindest auf dem Weg der Besserung?

Ich bin nicht sicher, um ehrlich zu sein. Einige Probleme habe ich überwunden, dafür sind Neue dazu gekommen. Dass es mir irgendwann wirklich gut geht, kann ich mir nicht vorstellen. Ich habe mir wohl antrainiert, mich konstant mit Gesellschaft oder Arbeit beschäftigt zu halten. Keine Ahnung, woher das kommt.

Du hast einen Grossteil deiner Karriere in Teams gearbeitet, sei das in Bands, als Komponist oder Produzent. Fällt es dir beim fünften Solo-Album leichter, allein im Fokus zu stehen?

Ich fühle mich unterm Strich wahrscheinlich etwas selbstsicherer als früher. Allerdings war das Team um mich herum nie grösser als heute. Mein Management, das Label und die Band sind alle sehr wichtig für das, was ich tue.

In welcher Rolle fühlst du dich am wohlsten?

Die Antwort fällt mir schwer, weil ich aktuell stark an mir zweifle. Ich dachte eigentlich immer, dass ich in erster Linie Musiker bin, aber jetzt, wo ich älter werde, merke ich, dass ich in der Hinsicht nicht so talentiert bin wie ich dachte. Meine Stärke ist es wahrscheinlich, meine Sicht auf die Dinge auf eine Art und Weise zu erklären, die anderen weiterhilft. Es fällt mir schwer das zuzugeben, aber ich glaube, die Leute spüren meine Texte mehr als meine Melodien.

Im Portrait mit Q sagst du, dass du nicht möchtest, dass die Texte die Melodien überschatten. Dabei sind deine Themen wichtig, du sprichst von Trauer und Tod, von der Angst vor der Liebe, von gehemmter Libido. Damit kannst du eine öffentliche Diskussion auslösen. Ist dir das wichtig?

Ich möchte sicher, dass wir alle in der Lage sind, über alles zu sprechen, worüber wir sprechen wollen. Ich gehe aber nicht davon aus, dass meine Musik sehr viel beiträgt. Aber ich schätze, wenn sie nur schon einer Person mit ihren eigenen Problemen hilft, ist das gut.

Was erhoffst du dir, dass die Leute von deiner Musik mitnehmen?

Oh, ich weiss nicht. Hoffnung wahrscheinlich. Hoffnung zu haben, ist wichtig.

Gibt es einen Song auf Yawn, der dir persönlich sehr wichtig ist?

Vielleicht Mither, den mag ich immer noch. Ich mag die Worte; dieser Song ist womöglich die authentischste Sache, die ich je gemacht habe. Ich mag daran auch, dass es durchaus schlechter hätte kommen können. Es ist der erste Song, in dem über Sexualität spreche.

Zu deinen Ängsten gehören auch Platzangst und die Angst vorm Alleinsein. Wie geht es dir jetzt, wo du auf Tour bist?

Es ist schwierig, um ehrlich zu sein. Ich hab eine Beruhigungsmittel-Abhängigkeit entwickelt, die ich vor fünf Jahren noch nicht hatte. Und mein Alkoholkonsum hat zurzeit kein besonders gesundes Ausmass. Das sind wohl die aktuellsten Probleme, mit denen ich hadere.

Was wünscht du dir von einem Live-Publikum?

Dass sie meine T-Shirts kaufen und möglichst den Mund halten, während ich spiele.

Gibt es etwas, worauf du dich in der Schweiz freust?

Oh, ich weiss nicht. Dass ich abreisen kann, ohne dass ein Unglück passiert ist?

Wenn du beim Universum einen Wunsch gut hättest, welcher wäre das?

Dass ich weitermachen kann, ohne dass ein Unglück passiert.


Bill Ryder-Jones Album Yawn ist im November bei Domino Records erschienen. Am Donnerstag, 11. April, bringt er es live in den Bogen F nach Zürich. Tickets gibt es hier.