«Zum Glück kann man heute CO2-Emissionen kompensieren»

Altın Güns psychedelische Neu-Auflagen türkischer 70s-Folksongs wurden vergangenes Jahr zum Szene-Hype. Das Ausmass bereitet Bassist Jasper Verhulst Umweltsorgen.

Mit dem Debüt «On» (Bongo Joe Records) brachten uns Altın Gün letztes Jahr ein Album voller Ohrwürmer, vor allem aber auch neuen Zugang zu anatolischem Folk und Rock aus den 70ern.

Die Band fand sich über Facebook, nachdem Bassist Jasper Verhulst von einem Konzert in Istanbul angefixt von türkischer Rockmusik nach Amsterdam zurückkehrte und einen Aufruf teilte. Wenig später trafen sich vier Holländer mit zwei Musikern aus der Türkei, Sängerin Merve Dasdemir und Sazspieler und Sänger Erdinc Ecevit Yildiz, im Proberaum. Und das Konzept ging auf: Altın Gün spielten bis heute an die 200 Konzerte und veröffentlichten Ende April das zweite Album «Gece» bei Glitterbeat Records.

Vor den zwei Schweiz-Gigs am Sonntag in der Kaserne Basel und am Festi’Neuch im Juni, hat uns Jasper per Mail versucht, seine Band zu erklären. Seine aktuellsten Musik-Crushes gabs on top.

Jasper, euer Debüt hat recht aus dem Nichts einen ziemlichen Hype geschaffen.

Ja, das hat uns selber sehr überrascht. Wir haben das Album in unserem Proberaum und ohne Erwartungen aufgenommen.

«Gece» klingt eklektischer als «On». Seid ihr inzwischen eingespielter? Mutiger?

Für mich war der grösste Unterschied, dass wir dieses Mal in einem richtigen Studio mit Techniker statt selber aufgenommen haben. Das Konzept blieb im Grunde gleich, die Songs und Arrangements entstehen bei uns recht organisch, beim Jammen und Rumblödeln. Wir folgen da auch sehr unserem Herzen und versuchen nicht bewusst retro oder modern zu klingen.

Wann wisst ihr, dass ein Song fertig ist?

Wir wissen es nicht. Es ist mehr Gefühlssache; wir machen etwas, das wir selber mögen und hoffen, dass das auch ein paar anderen Leuten gefällt.

Der Pressetext meint, «Gece» etabliere euch als Vorreiter einer aufkeimenden globalen Psych-Rock-Szene. Habt ihr das Gefühl, ihr müsst etwas beweisen?

Definitiv nicht. Wir haben die Band gegründet, weil wir den türkischen Sound der 70er lieben. Dass daraus so eine Sache wird, hätten wir nie gedacht. Wir machen Musik, weil wir es gerne tun. Und  wahrscheinlich auch, weil wir nicht sehr gut in anderen Dingen sind :) Aber nicht um etwas zu beweisen.

Was zieht euch zum Psych-Rock?

Wir haben alle eine Schwäche für den Sound der Sechziger und Siebziger, nicht nur den psychedelischen Teil davon. Aber ja, wir lieben Tape Echoes, Phasers, Fuzz-Gitarren und viele andere Effekte, die man mit psychedelischer Musik assoziiert.

Glaubst du denn, dass psychedelische Musik heute tatsächlich ein neues Hoch erlebt?

Ich bin nicht sicher. Ich glaube, Musik ist heute eklektischer, weil sie übers Internet zugänglicher ist. Musik aus allen Ecken der Welt, die früher nie Europa erreicht hätte, tut es plötzlich. Und davon wird wiederum vieles als psychedelisch gelabelt.

Wie bist du erstmals mit türkischem Psych-Rock in Berührung gekommen?

Das erste türkische Psych-Rock-Album, das ich hörte, war Seldas Debütalbum, das von Finders Keepers Records neu aufgelegt wurde. Ich hörte es in einem Plattenladen in Amsterdam, weil ich das Cover mochte.

Entdeckst du so auch heute noch deine Musik?

Exotische und psychedelische Musik habe ich lange vor allem über Vinyl Re-Issues entdeckt, heute suche ich auf Discogs, Youtube und Plattenläden. Aber immer öfter auch Musik, die noch nicht neu aufgelegt wurde. Auf Blogs bin ich eigentlich nie.

Hast du Streaming gegenüber Vorbehalte? Glaubst du, es könnte die Individualität und Originalität von Musik gefährden?

Überhaupt nicht. Ich finde es super, wie zugänglich Musik heute ist.

Glaubst du eine Band wie Altın Gün hätte vor 10, 20, 50 Jahren funktionieren können?

Ohne Internet wäre es sehr viel schwieriger gewesen, eine Gruppe wie diese zusammenzubringen. Und für uns Nicht-Türken in der Band wäre sehr viel schwieriger gewesen, Zugang zu den Folk-Songs zu kriegen und den Standard zu erreichen, den wir spielen.

Hat sich deine Wertschätzung der anatolischen Traditionen gegenüber seit Bandbeginn verändert? Hast du vielleicht sogar technisch etwas dazugelernt?

Die Wertschätzung ist auf jeden Fall gewachsen. Wir spielen aber nicht auf sehr traditionelle Weise, das Handwerk in dem Sinn beherrsche ich nicht besser.

Was war das letzte Album, das dich musikalisch beeinflusst hat?

Ich bin mehr der Song- als der Album-Typ. Aber wir haben vor Kurzem das belgische Produzenten-Duo Asa Moto kennengelernt, und die mögen wir alle sehr. Vielleicht gibt es bald eine Kollaboration.

Ein Song, der dich persönlich erst neulich umgehauen hat?

«Lembur Kuring» von Yanti Bersaudera; eine Indonesische Gamalan-Pop-Band, die in den Sechzigern und den frühen Siebzigern aufkam. In diesem Fall ist aber auch der Rest des Albums grossartig.

Hörst du auch ab und zu zeitgenössische Musik?

Leider kaum mehr.

Weil ihr ja traditionelle Folk-Songs neu auflegt: Wie wichtig sind euch Texte?

Ich spreche leider kein Türkisch, mir geht es also wirklich vor allem um die Melodien. Für die Türken in der Band ist das natürlich eine ganz andere Geschichte.

Gibt es ein Mantra, dem ihr als Band folgt?

Immer Musik zu machen, die sich pur und ehrlich anfühlt.

Wie kam es eigentlich, dass euer Debüt beim Schweizer Label Bongo Joe Records erschienen ist?

Die haben einen super schönen Laden in Genf. Unser Schlagzeuger Gino und ich waren da, als wir mit Jacco Gardner in der Stadt waren. Sie haben von unserer Band gehört und uns kontaktiert.

Warum macht ihr jetzt mit Glitterbeat weiter?

Ich weiss es nicht genau, um ehrlich zu sein. Das ist mehr ein Management-Ding. Wir machen Musik, der Rest interessiert uns nicht sehr.

Ihr wart mit dem ersten Album intensiv auf Tour. Gibts Dinge, die ihr bei dieser Tour lieber streichen würdet?

Wir freuen uns sehr auf die vielen Orte, an denen wir noch nicht waren. Es sieht danach aus, dass wir in Indonesien spielen werden. Früher sind wir oft zu Gigs gefahren, das passiert inzwischen immer seltener. Und natürlich ist es schön, die Welt zu sehen, aber der Aspekt ist schon auch das notwendige Übel. Zum Glück gibt es heute viele gute Optionen CO2-Emissionen zu kompensieren.

Habt ihr einen Song, den ihr extra gern live spielt?

Das ist zum Glück jedes Mal anders. Ich liebe alle Songs, die wir spielen.

Die Sache, die dir neben der Musik am wichtigsten ist?

Liebe.