Mehr Posts in Review

Veröffentlicht am 30.10.2017 von Simon Gwinner in Review

Joan Seiler, ehemals Joan & The Sailors, Martin Schenker vom Elektro-Pop Gespann Alois und Mario Hänni, unter anderem mit seinem Solo-Projekt Rio unterwegs, sind allesamt bekannte Namen im zeitgenössischen Schweizer Musikgeschehen. Zusammen sind sie nun auch als Trio Jon Hood aktiv und präsentieren mit Body Semantics ein bereits überaus reifes und urwüchsiges Debütalbum, das mit seinen Geschichten abhebt, die Füsse aber stets am Boden behält.

Auf ihrem Debütalbum kreieren Jon Hood neue Welten, welche sich zwischen Vergangenheit und Ewigkeit bewegen. Der atmosphärische Titeltrack «Body Sematics» ist eine eigentliche Jazzkomposition, welche im Inneren Merkmale von Folk und verträumtem Pop birgt. Der Gesang von Joan erinnert zu einem gewissen Grad an die Spoken Word Kultur und erzählt und beschreibt Geschehnisse mit einer sanften Leichtigkeit, die sich dezent in das sphärische Klangbild integriert. Die vielschichtige Instrumentation in etwa «Spoken Dreams» oder «Trouble In A Bubble» imponiert, gibt sich aber auch gekonnt bescheiden. Es entstehen kreative Spielräume, welche sich durch das ganze Album durch immer wieder neu erfinden.

Jon Hoods Body Semantics ist ein Album das genaues Hinhören verdient und von Ruhe und Stille bestimmt wird. Wenn man sich aber erstmal darauf einlässt, kann es tief einfahren. Das Album erschien vor kurzem über das Label Red Brick Chapel.

Teile diesen Post via


Veröffentlicht am 19. Oktober 2017 von Beni Geisseler in Neue Musik, Review

Die Band Chimo aus Rosario, Argentinien ist weitestgehend ein ungeschriebenes Blatt – haben es doch Indie-Bands aus Südamerika immer wieder schwer, in Europa Fuss zu fassen. Mit ihrem neuen Album YUNGA könnte sich das ändern.

Die ersten Takte des Albums erinnern an eine neue Scheibe von The War On Drugs, danach taucht man aber direkt ein in die Welt der vier Herren rund um Sänger Emiliano Ponzelli.

Stellenweise springt man von musikalischem Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Von kantigen Pop-Songs, über eine Disco-Ballade, bis hin zu New-Wave-Arrangements setzt die Band diverse Genres gekonnt ein. Unausweichlich erkennt man Künstler wie Yeasayer, Fool’s Gold oder Phoenix in den Klängen der Südamerikaner. Trotzdem finden sie ihre eigene Linie.

Auf ihrem Debüt ‚Manantial‘ wirkte die Band noch sehr zurückhaltend. ‚Yunga‘ ist definitiv eine Weiterentwicklung und sorgt für ein erstes Ausrufezeichen. Immer wieder erscheint in den Songs ein harmonischer Bass der das psychedelische Wirrwarr aufzulösen versucht.

Das Album erschien diese Woche über das argentinische Label Polvo Bureau.

Teile diesen Post via


Veröffentlicht am 11. Oktober 2017 von Yemi Omodunbi in Review

Das Amsterdamer Psychedelic-Pop Duo Feng Suave veröffentlichte dieser Tage seine gleichnamige erste EP. Darauf sind vier Tracks zu hören, die Gemütlichkeit und Harmonie geradezu verinnerlichen. Beim ersten Hören stellt sich also schnell die Frage, wie „Feng Suave“ denn zu verstehen ist: Feng = Chinesisch für Wind, suave = Spanisch für weich; also womöglich weicher Wind? Würde durchaus passen. Angefangen mit «Honey, There’s No Time», der einem verspäteten Sommerhit gleichkommt, über «By The Poolside», der in seiner 80er-Jahre-haftigkeit an Songs von Toro y Moi erinnert. Schliesslich zeichnen sich alle vier Songs mit lieblichen, sommerlichen und vielseitigen Gitarrenmelodien und dem ausfüllenden Gesang aus, der durch die ganze EP hinweg begleitet. Den beiden Daniels, Daniel de Jong und Daniel Leonard Elvis, gelingt mit ihrem Erstling also eine wunderbare Sammlung an Musik, die mit einer sehr grossen Sorgfalt und viel Gefühl kreiert und umgesetzt wurde.

Die EP Feng Suave erschien bei Sony/ATV.

Teile diesen Post via


Veröffentlicht am 28. September 2017 von Simon Gwinner in Review

Alois sind ein Popgespann von vier Luzernern, welche dieses Jahr mit zwei Singles bereits zu verzaubern wussten. Die wirklich spannenden Songs erwarten uns aber erst auf ihrem Debütalbum, welches am Freitag über das Label Red Brick Chapel folgt.

Auf Mints vereinen sich Stilelemente aus luftigem Gitarren-Pop, von Synthesizern geprägtem Krautrock und subtilen Klangspielereien. Dabei folgen sie keiner Geradlinigkeit oder Monotonie, sondern lassen sich von experimentierfreudigen Ideen und Instrumentalläufen leiten. So verwundert es auch nicht, dass sich das Projekt ursprünglich aus einer rein instrumentalen EP heraus entwickelte. Aus dem Soloprojekt von Martin Schenker entstand über zwei Jahre hinweg eine vierköpfige Band, in der auch der Gesang plötzlich einen Platz in den melodiös ausgeprägten Songstrukturen fand. Alois schaffen ein Gesamtbild, das sehr harmonisch klingt. Sie erlauben bestimmten Instrumenten auszubrechen, finden sich dann aber wieder in einem elektrisierenden Groove, welcher mit kleinen Details ausgeschmückt wird.

Die bereits erschiene Vorabsingle «Flowers» ist wie gemacht fürs Radio, während andere psychedelischere Songs wie «Glacier» oder «Isolator» genaueres hinhören verdienen. «Young Sun Paradox» ist zudem eine wunderschöne Popballade, mit welcher man langsam in den eigenen Träumen versinkt.

Alois‘ Debütalbum Mints erscheint am Freitag über das Label Red Brick Chapel. Die beiden Vorabsingles («Flowers» und «Credo») kannst du in unseren Playlists nachhören.

Teile diesen Post via


Veröffentlicht am 11. Juli 2017 von Simon Gwinner in Review

Der aus Michigan stammende Choker ist ein noch relativ junger Künstler. Mit seinem Debütmixtape Peak präsentiert er aber bereits eine unglaublich vielfältige Klangwelt. Dabei setzt der 21-jährige wenig auf Songstrukturen, sondern werkelt lieber einfach mal drauf los. Die manchmal schlaftrunkenen Beats vermischen sich mit losen Gitarrenriffs und unaufdringlichen Klavierstrophen, welche immer mal wieder ausbrechen.

Das Mixtape erschien in Eigenregie – Choker produziert, singt und rappt mit einer fesselnden Magie und übermittelt ein Wechselbad an Gefühlen. Inhaltlich erzählt das Mixtape von Selbstzweifel, jugendlichem Unsinn, sowie frischen und vergangenen Liebesgeschichten.

Stellenweise klingt Peak wie Frank Oceans Blonde. Eine Vielzahl an musikalischen Einflüssen, von J Dilla über Odd Future, sowie von Künstlern anderer Genres wie Tame Impala, Feist oder Regina Spektor vermischen sich zu einem hybriden Sound, der sich nicht wirklich einordnen lässt. Die Hooks oder Refrains überlässt Choker sich selbst, manchmal füllen sie ganze Songs («El Dorado»), manchmal bleiben sie vollends aus.

Diese Konzeptlosigkeit, welche in Wirklichkeit wahrscheinlich keine ist, macht Peak zu einem abenteuerlichen Debüt, das überrascht, berauscht und die volle Aufmerksamkeit verdient.

Chokers Peak gibt’s via Bandcamp als Gratisdownload.

Teile diesen Post via


Veröffentlicht am 27. Juni 2017 von Simon Gwinner in Neue Musik, Review

In seiner Debütsingle sucht Zack Villere nach Bestätigung, dass er cool sei. Dies macht der 21-jährige aus Covington, Louisiana aber nicht gemäss des üblichen Weltbildes des Coolseins, sondern auf liebenswert unsichere Art. Er stellt sich so dar, wie er tatsächlich ist, was ihn um einiges cooler macht, als viele andere. Mit der Single «Cool» löste Zack Villere bereits einen kleinen Hype aus. Kurz darauf folgt nun auch seine Debüt LP Little World.

Auf Little World spielt Zack Villere mit viel jugendlichem Charme, persönlicher Unsicherheit und ungezwungener Kreativität, die sich nicht wirklich einordnen lässt. Man spürt einen Hauch Geek Rock, vermischt mit unkonventionellem, schrulligen Pop und R&B sowie bodenständigem Songwriting.

Ein kurzes, aber bezauberndes Debüt, das mit viel Ehrlichkeit überrascht und mit seiner spielerischen Üppigkeit zum Kopfnicken anregt.

Teile diesen Post via


Veröffentlicht am 17. April 2017 von Simon Gwinner in Neue Musik, Review

Als wir das erste Mal von Shamir und seiner Debütsingle «If It Wasn’t True» Wind bekommen hatten, waren wir uns einig, dass hier eine neue Pophoffnung heranwächst. Mit seinem nasalen Gesang und den eingängigen Elektro-Popmelodien machte sich Shamir im Nu einen internationalen Namen. Nach einigen vielversprechenden Songs und der ersten EP Northtown ging dann alles ziemlich schnell. XL Recordings nahmen Shamir unter Vertrag und kurz darauf folgte bereits das Debütalbum Ratchet des aus Las Vegas stammende Sängers. Vielleicht ein bisschen zu früh. Die ersten Auftritte welche im Internet kursierten konnten nicht ganz mit den Erwartungen mithalten und vielmehr als Shamir selbst stand vielleicht seine energiegeladene Hitsingle «On The Regular» im Zentrum.

Zwei Jahre nach diesem Senkrechtstart veröffentlichte Shamir dieses Wochenende ein intimes Überraschungsalbum, welches einen musikalischen Wechsel offenbart. In der Beschreibung zum Album erzählt Shamir:

I was gonna quit music this weekend. From day 1 it was clear i was an accidental pop star. I loved the idea of it, i mean who doesn’t? Still the wear of staying polished with how im presented and how my music was presented took a huge toll on me mentally. I started to hate music, the thing i loved the most! […] My music only feels exciting for me if its in the moment, and thats what this album is. I made this album this past weekend stuck in my room with just a 4 track feeling hopeless about my love for music. Im not gonna lie, this album is hard to listen to, but it was even harder for me to share. I love pop music, i love outsider music, and i love lofi music, this is my way of combining all 3.

Das Album, welches ebenfalls dieses Wochenende aufgenommen wurde, zeigt Ähnlichkeiten zum starken neuen Album Infinite Worlds von Vagabon auf. Shamirs Falsettstimme springt auch in Hope hervor, die Melodien dagegen klingen viel mehr nach Lo-Fi Indie Rock als Elektropop. Abgesehen davon, dass das Album innerhalb von kürzester Zeit und nur mit wenigen Hilfsmitteln aufgenommen wurde, wirken die Songs sehr ehrlich und intim. Sie zeigen eine ganz neue Seite von Shamir und beweisen, dass gute Popmusik auch ungeschliffen funktioniert.

Das ganze (Mini)album Hope gibts via Mediafire in Lo-Fi Qualität zum Herunterladen und oben im Albumstream.

Teile diesen Post via


Veröffentlicht am 2. April 2017 von Simon Gwinner in Review

Mundart-Pop ist tot. Zurecht wenn man sich anschaut, was in den letzten Jahren bewusst mit diesem Genretyp gekennzeichnet erschienen ist. Mundart-Pop hat aber vielleicht auch einfach einen gleich schlechten Ruf wie World Music. ‚Alte Säcke‘ von Musikvertriebsunternehmen ruhen sich auf einem Erfolgsmodell aus, welches Geld einbringt und eine Illusion der Welt verkauft – nur widerspiegelt man somit nicht das tatsächliche zeitgenössische Geschehen ab, welches schlussendlich als Pop bezeichnet wird.

Doch zu jeder starren Bewegung gibt es auch eine neue, lebendige Gegenbewegung. Bei Mundart-Pop ist es das gleiche. Es wollte sich bis anhin aber niemand wirklich als Vorreiter dieser Bewegung bezeichnen. Ähnlichkeiten finden sich auch im internationalen Popgeschehen. ‚Pop‘ als Bezeichnung für die eigene Musik war schliesslich auch nicht immer so populär und genreübergreifend wie heute.

Jeans For Jesus als Retter des Mundart-Pops zu preisen, wäre aber wohl auch nicht wirklich das, was sich die Jungs aus Bern vorstellen würden. Vielmehr spielen sie mit global inspirierten, zeitgenössischen Popstrukturen. Dabei geht es in erster Linie gar nicht so stark um die Repräsentation eines Images, sondern viel wichtiger, um das, was uns im Moment bewegt, verstört und inspiriert. Die Mundarttexte sind dabei ein optimales Stilmittel, welches den schweizerdeutschen Zuhörer im Herz abzuholen weiss. Das neue JFJ Album P R O hätte aber gerade so gut auf französisch («Europe»), englisch oder portugiesisch erscheinen können, würde dabei aber natürlich eine andere Zielgruppe ansprechen und mit anderen Orten spielen. Gelungener Pop wäre es auf alle Fälle immer noch.

Ihr neues Album P R O ist dabei weit mehr als eine Hommage an Major Lazer oder DJ Snake («Dr Letscht Popsong (Gäubi Taxis im Sand»). Die wummernden Synthesizer, rasselnden Drumcomputer und digitalen Panflöten mögen bewusst überspitzt klingen, spielen aber genau mit jenem Mainstreampop, der von den Privatradios auch schweizweit zelebriert wird. Die ausgeklügelten Lyrics bereichern die eingängigen Melodien mit viel Poesie. Auch in ihrem neuen Video zur Single «Wosch no chli blibä» verknüpfen Jeans For Jesus mit einer Vielfalt an Einflüssen. Vom regionalen Chinarestaurant geht es via Autobahn über die Grenzen der Agglomeration in die Metropole, weiter mit der Metro von Bar zu Bar und zum Schluss per Flugzeug über Rio De Janeiro zum nächstgelegenen Sandstrand.

Dass Jeans For Jesus bei einem Majorlabel unter Vertrag sind, hat weniger mit Sell-Out, sondern vielmehr mit Chancen zu tun, von welchem andere Schweizer Künstler (leider) nur träumen können. Nicht, dass diese im Vergleich mit Jeans For Jesus völlig abfallen würden, doch bleibt ihnen damit die Chance, sich mit mehr finanziellen und strukturellen Möglichkeiten selbst zu verwirklichen, oft verwehrt. Zum physischen Kauf eines Album gibt es von den Berner Jungs dann auch eine hauseigene Unisex Fragrance – eine Art Nachduft, welcher auch nach mehrmaligem Hören des Albums noch an einem haften bleibt.

P R O erschien am Freitag, passend zum Beginn eines der wichtigsten und vielleicht auch überbewertetsten Klassentreffen, welches die Schweizer Musikszene zu bieten hat. Das Album findet sich auf Spotify zum Durchhören.

Teile diesen Post via