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Veröffentlicht am 17.04.2017 von Simon Gwinner in Neue Musik, Review

Als wir das erste Mal von Shamir und seiner Debütsingle «If It Wasn’t True» Wind bekommen hatten, waren wir uns einig, dass hier eine neue Pophoffnung heranwächst. Mit seinem nasalen Gesang und den eingängigen Elektro-Popmelodien machte sich Shamir im Nu einen internationalen Namen. Nach einigen vielversprechenden Songs und der ersten EP Northtown ging dann alles ziemlich schnell. XL Recordings nahmen Shamir unter Vertrag und kurz darauf folgte bereits das Debütalbum Ratchet des aus Las Vegas stammende Sängers. Vielleicht ein bisschen zu früh. Die ersten Auftritte welche im Internet kursierten konnten nicht ganz mit den Erwartungen mithalten und vielmehr als Shamir selbst stand vielleicht seine energiegeladene Hitsingle «On The Regular» im Zentrum.

Zwei Jahre nach diesem Senkrechtstart veröffentlichte Shamir dieses Wochenende ein intimes Überraschungsalbum, welches einen musikalischen Wechsel offenbart. In der Beschreibung zum Album erzählt Shamir:

I was gonna quit music this weekend. From day 1 it was clear i was an accidental pop star. I loved the idea of it, i mean who doesn’t? Still the wear of staying polished with how im presented and how my music was presented took a huge toll on me mentally. I started to hate music, the thing i loved the most! […] My music only feels exciting for me if its in the moment, and thats what this album is. I made this album this past weekend stuck in my room with just a 4 track feeling hopeless about my love for music. Im not gonna lie, this album is hard to listen to, but it was even harder for me to share. I love pop music, i love outsider music, and i love lofi music, this is my way of combining all 3.

Das Album, welches ebenfalls dieses Wochenende aufgenommen wurde, zeigt Ähnlichkeiten zum starken neuen Album Infinite Worlds von Vagabon auf. Shamirs Falsettstimme springt auch in Hope hervor, die Melodien dagegen klingen viel mehr nach Lo-Fi Indie Rock als Elektropop. Abgesehen davon, dass das Album innerhalb von kürzester Zeit und nur mit wenigen Hilfsmitteln aufgenommen wurde, wirken die Songs sehr ehrlich und intim. Sie zeigen eine ganz neue Seite von Shamir und beweisen, dass gute Popmusik auch ungeschliffen funktioniert.

Das ganze (Mini)album Hope gibts via Mediafire in Lo-Fi Qualität zum Herunterladen und oben im Albumstream.

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Veröffentlicht am 2. April 2017 von Simon Gwinner in Review

Mundart-Pop ist tot. Zurecht wenn man sich anschaut, was in den letzten Jahren bewusst mit diesem Genretyp gekennzeichnet erschienen ist. Mundart-Pop hat aber vielleicht auch einfach einen gleich schlechten Ruf wie World Music. ‚Alte Säcke‘ von Musikvertriebsunternehmen ruhen sich auf einem Erfolgsmodell aus, welches Geld einbringt und eine Illusion der Welt verkauft – nur widerspiegelt man somit nicht das tatsächliche zeitgenössische Geschehen ab, welches schlussendlich als Pop bezeichnet wird.

Doch zu jeder starren Bewegung gibt es auch eine neue, lebendige Gegenbewegung. Bei Mundart-Pop ist es das gleiche. Es wollte sich bis anhin aber niemand wirklich als Vorreiter dieser Bewegung bezeichnen. Ähnlichkeiten finden sich auch im internationalen Popgeschehen. ‚Pop‘ als Bezeichnung für die eigene Musik war schliesslich auch nicht immer so populär und genreübergreifend wie heute.

Jeans For Jesus als Retter des Mundart-Pops zu preisen, wäre aber wohl auch nicht wirklich das, was sich die Jungs aus Bern vorstellen würden. Vielmehr spielen sie mit global inspirierten, zeitgenössischen Popstrukturen. Dabei geht es in erster Linie gar nicht so stark um die Repräsentation eines Images, sondern viel wichtiger, um das, was uns im Moment bewegt, verstört und inspiriert. Die Mundarttexte sind dabei ein optimales Stilmittel, welches den schweizerdeutschen Zuhörer im Herz abzuholen weiss. Das neue JFJ Album P R O hätte aber gerade so gut auf französisch («Europe»), englisch oder portugiesisch erscheinen können, würde dabei aber natürlich eine andere Zielgruppe ansprechen und mit anderen Orten spielen. Gelungener Pop wäre es auf alle Fälle immer noch.

Ihr neues Album P R O ist dabei weit mehr als eine Hommage an Major Lazer oder DJ Snake («Dr Letscht Popsong (Gäubi Taxis im Sand»). Die wummernden Synthesizer, rasselnden Drumcomputer und digitalen Panflöten mögen bewusst überspitzt klingen, spielen aber genau mit jenem Mainstreampop, der von den Privatradios auch schweizweit zelebriert wird. Die ausgeklügelten Lyrics bereichern die eingängigen Melodien mit viel Poesie. Auch in ihrem neuen Video zur Single «Wosch no chli blibä» verknüpfen Jeans For Jesus mit einer Vielfalt an Einflüssen. Vom regionalen Chinarestaurant geht es via Autobahn über die Grenzen der Agglomeration in die Metropole, weiter mit der Metro von Bar zu Bar und zum Schluss per Flugzeug über Rio De Janeiro zum nächstgelegenen Sandstrand.

Dass Jeans For Jesus bei einem Majorlabel unter Vertrag sind, hat weniger mit Sell-Out, sondern vielmehr mit Chancen zu tun, von welchem andere Schweizer Künstler (leider) nur träumen können. Nicht, dass diese im Vergleich mit Jeans For Jesus völlig abfallen würden, doch bleibt ihnen damit die Chance, sich mit mehr finanziellen und strukturellen Möglichkeiten selbst zu verwirklichen, oft verwehrt. Zum physischen Kauf eines Album gibt es von den Berner Jungs dann auch eine hauseigene Unisex Fragrance – eine Art Nachduft, welcher auch nach mehrmaligem Hören des Albums noch an einem haften bleibt.

P R O erschien am Freitag, passend zum Beginn eines der wichtigsten und vielleicht auch überbewertetsten Klassentreffen, welches die Schweizer Musikszene zu bieten hat. Das Album findet sich auf Spotify zum Durchhören.

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Veröffentlicht am 15. November 2016 von Yemi Omodunbi in Neue Musik, Review

Elder Island mag so manch einer bereits dank ihrer gleichnamigen Debüt-EP kennen. 2014 begannen sie damit ihren Siegeszug der Fanherzen und zwar ziemlich erfolgreich. Einen Song wie «Garden» oder «Today is Your Day» zweimal hintereinander hören – kein Problem.

Zwei Jahre später nun trumpft das Trio aus Bristol erneut auf. Die Songs ab ihrer zweiten EP Seeds in Sand sind tanzbarer geworden, behielten jedoch ihre lieblichen Melodien und die Stimme von Sängerin Katy ist gewohnt stark und tragend, typischerweise hin und wieder von einer männlichen Stimme begleitet. Elder Island beweisen Kreativität, die sich bereits im ersten Song spüren lässt. «Key One» ist Indiepop und fast schon Clubhit zugleich. Ein wenig besonnener geht es weiter mit «Bamboo» und in Erinnerung an die erste EP Elder Island schwelgend, kommt «Black Fur» daher.

Und dann kommt «Golden», der Song mit Lieblingsliedpotential, daher und nimmt dich sofort mit auf eine wunderbare Reise. Die zu Beginn alleine im Raum hallende Gesangspassage macht neugierig und die anschliessend präsentierte Palette reicht vom aufgeregten Synthesizer bis zu Streichern, die die nötige Ruhe als Kontrast wieder herzustellen vermögen.

Zuletzt wird die EP mit «Hotel Beds» abgerundet. Ein in sich stimmiger Song, der an gewissen Stellen, Parallelen zu den elektronischen Elementen von «Key One» zeigt und so den Kreis schliesst.

Die EP Seeds in Sand erschien am 11. November 2016 und gibt’s via Spotify im Stream.

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Veröffentlicht am 25. Oktober 2016 von Simon Gwinner in Review

Es ist kaum abzustreiten, dass Vesuvio Solo stark von der musikalischen Vergangenheit geprägt sind. Nostalgisch widmen sich diese Kinder der 80er, aufgewachsen in der kanadischen Metropole Montreal, dem eingängigen Funk Pop, welcher sich durch eine sinnliche Atmosphäre, geschmeidige Soft Rock Melodien und aufreizende Saxophonsoli auszeichnete. Das Quartet rund um Thom Gillies und Cameron Maclean schafft es, diese Einflüsse in ihren eigenen zeitlosen Kompositionen zu verwirklichen.

Ihre Debütsingle «Don’t Ask, Don’t Tell» fand bei uns bereits vor zwei Jahren grossen Anklang. Das darauf folgende Debütalbum überzeugte dagegen nur teils. In Sachen Songtitel widmen sich Vesuvio Solo auch auf ihrem neuen Album immer wieder «Don’t». Wobei das «don’t» hier weniger als Verbot sondern mehr als «lass mich bitte nicht allein» interpretiert werden kann.

Mit Tracks wie dem radiotauglichen «Flakes» haben Vesuvio Solo dieses Mal ein äusserst konsistentes Album geschaffen. Die Entwicklung vom Debütalbum zum Zweitling ist immens. Gillies früheren musikalischen Einflüsse aus TOPS sind dabei gleich präsent, wie die ausgeklügelten Soft Rock Einflüsse der frühen 80er, ohne dass die Band jemals zu sehr dem Kitsch verfallen würde. Im Gegenteil: In Nummern wie «Guardian» oder «Night Drive» werden wilde Saxophonsoli wieder cool.

Vesuvio Solos «Don’t Leave Me in the Dark» erschien vor kurzem über das Label Atelier Ciseaux. Morgen Mittwoch, spielen sie an der ersten Orange Peel Night in der Gewerbehalle in Luzern zusammen mit dem auch sehenswerten Engländer William Fussel aka Promise Keeper.

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Veröffentlicht am 13. September 2016 von Yemi Omodunbi in Review

Wenn man die EP Wax Bridge von Fever Trails mit nur einem Wort beschreiben müsste, wäre „eigensinnig“ wahrscheinlich ziemlich passend. Innerhalb von drei Tracks erschafft Nicolaas van Reenen alias Fever Trails seine ganz eigene und selbstbestimmte Welt und nimmt dabei vorerst keine Rücksicht auf die möglicherweise bestehenden Erwartungen und Präferenzen des Zuhörers.

Sobald man sich als solcher in einer Klangwelt sicher wähnt, überrascht Fever Trails sogleich mit völlig neuartigen Elementen und lockt einen, seine Komfortzone zu verlassen, um sich etwas Neuem hinzugeben. So ist Wax Bridge vor allem eines nicht: Hintergrundmusik.

Der Multi-Instrumentalist aus Kapstadt überzeugt mit der Vielschichtigkeit seiner Musik und der gekonnten Verbindung von diversen Elementen, die man aus der elektronischen oder Indie-Pop Sparte kennt, jedoch plötzlich jazzig oder von seiner Heimat beeinflusst klingen.

Es lohnt sich, sich die EP in voller Länge zu gönnen; dies kann man momentan auf Soundcloud.

Die EP Wax Bridge erschien am 12. September 2016 bei Quit Safari.

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Veröffentlicht am 3. August 2016 von Kilian Mutter in Neue Musik, Review

Schweden gilt nicht gerade als Hochburg für Krautrockklänge – und doch haben sie mit Thunder Tillman einen neues heisses Eisen im Feuer. Die Musik des Duos, über welches nur wenig bekannt ist, orientiert sich an der elektronischeren Seite des Genres und überzeugt, trotz ihrer Monotonie und dem fehlenden Gesang, mit wunderbarem, akustischem Storytelling.

Ihre aktuelle und sehr lobenswerte EP Jaguar Mirror ist auf ESP Institute erschienen. Ebenfalls zu empfehlen gibt es den kürzlich erschienenen Mix, den Thunder Tillman für ihr kalifornisches Label aufgenommen haben.

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Veröffentlicht am 14. Juli 2016 von Simon Gwinner in Review

Aufgewachsen in einer streng religiösen Familie entschied sich Kelsey Lu mit 18 Jahren Cello zu studieren. Seitdem wohnt sie in New York, musizierte unter anderem bereits in Dev Hynes The Apollo Band sowie mit Empress Of und Chairlift. Vor kurzem erschien ihre eindringliche Debüt EP Church, welche aus einer Live-Session zusammen mit Chairlifts Patrick Wimberly in – wie’s der Titel schon sagt – einer Kirche in Brooklyn entstanden ist.

Fast schon minimalistisch klingen nicht nur die sechs Tracks auf Kelsey Lus Debüt EP, sondern auch das Equipment mit welcher diese entstanden sind. Ein Cello, ihre Stimme und ein Loopgerät und doch klingt das Ergebnis nach viel mehr. Die gezupften und gestrichenen Cello-Klänge prallen an den hohen Kirchenwänden ab und verfremden die Stille dieses Ortes. In Kelseys himmlische Stimme hallen Herzschmerz und dessen Überwindung nach. Das stille und dennoch intensive Ambiente, in welchem Kelsey Lu die sechs Tracks aufgenommen hat, lässt sich regelrecht am eigenen Leib miterleben.

Das dramatische, schillernde «Dreams», die melancholische Stimmung von «Morning After Coffee» oder das überaus ehrliche «Liars» – Kelsey Lu hat uns fest im Griff mit ihren Lutherial-Klängen. Ihre Debüt-EP Dreams erschien vor kurzem über True Panther Sounds und gibts auf Spotify zum Durchhören.

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Veröffentlicht am 8. Juli 2016 von Yemi Omodunbi in Review

Den meisten wird BADBADNOTGOOD ein Begriff sein. Bereits mit drei Alben überzeugten sie ihre Hörerschaft, weshalb sich diese nun umso mehr über das neue Album BBNG IV freuen kann. Auf gewohnt smoothe, doch gleichzeitig experimentelle Art verbinden die Kanadier die Genres Jazz und Hip Hop. Ebenfalls typisch sind auf dem Album spannende Kollaborationen mit diversen Musikern, wie zum Beispiel Future Island-Sänger Samuel T. Herring, Mick Jenkins oder Saxophonist Colin Stetson. Neu hingegen ist Leland Whitty, der seit diesem Album nun ganz offiziell zur Band gehört und somit das Quartett mittels Saxophon komplettiert.

Bereits in den letzten zwei Monate hat die Band ihre Fangemeinde spüren lassen, dass da etwas grösseres kommt. So veröffentlichten sie Mitte Mai die in Zusammenarbeit mit Samuel T. Herring entstandene Single «Time Moves Slow». In der Single Version fast acht Minuten feel good music, gemütliche Beats von BADBADNOTGOOD vollendet und perfektioniert mit der souligen, leicht kernigen Stimme von Herring; ein herausragendes Stück Musik.

Vor einer Woche folgte ausserdem der Song «In Your Eyes». Er zeichnet sich vor allem durch die catchy Bassline, die grazile Stimme von Charlotte Day Wilson und mitreissende, emotionale Violinenpassagen aus, die dem Song eine unglaubliche Leidenschaft verleihen.

Heute ist es soweit: Das Album BBNG IV ist offiziell draussen und hat von fetzigem, souligem Mitwipp-Sound bis zu jazziger Entspannmusik alles in petto. BADBADNOTGOOD feiern zudem heute die Plattentaufe in Toronto und da es wahrscheinlich nicht klappen wird mit Hingehen, muss man sich vorerst mit dem Hören zu Hause begnügen.

BBNG IV erscheint heute bei Innovative Leisure Records.

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