Mehr Posts über Universal

Veröffentlicht am 02.04.2017 von Simon Gwinner in Review

Mundart-Pop ist tot. Zurecht wenn man sich anschaut, was in den letzten Jahren bewusst mit diesem Genretyp gekennzeichnet erschienen ist. Mundart-Pop hat aber vielleicht auch einfach einen gleich schlechten Ruf wie World Music. ‚Alte Säcke‘ von Musikvertriebsunternehmen ruhen sich auf einem Erfolgsmodell aus, welches Geld einbringt und eine Illusion der Welt verkauft – nur widerspiegelt man somit nicht das tatsächliche zeitgenössische Geschehen ab, welches schlussendlich als Pop bezeichnet wird.

Doch zu jeder starren Bewegung gibt es auch eine neue, lebendige Gegenbewegung. Bei Mundart-Pop ist es das gleiche. Es wollte sich bis anhin aber niemand wirklich als Vorreiter dieser Bewegung bezeichnen. Ähnlichkeiten finden sich auch im internationalen Popgeschehen. ‚Pop‘ als Bezeichnung für die eigene Musik war schliesslich auch nicht immer so populär und genreübergreifend wie heute.

Jeans For Jesus als Retter des Mundart-Pops zu preisen, wäre aber wohl auch nicht wirklich das, was sich die Jungs aus Bern vorstellen würden. Vielmehr spielen sie mit global inspirierten, zeitgenössischen Popstrukturen. Dabei geht es in erster Linie gar nicht so stark um die Repräsentation eines Images, sondern viel wichtiger, um das, was uns im Moment bewegt, verstört und inspiriert. Die Mundarttexte sind dabei ein optimales Stilmittel, welches den schweizerdeutschen Zuhörer im Herz abzuholen weiss. Das neue JFJ Album P R O hätte aber gerade so gut auf französisch («Europe»), englisch oder portugiesisch erscheinen können, würde dabei aber natürlich eine andere Zielgruppe ansprechen und mit anderen Orten spielen. Gelungener Pop wäre es auf alle Fälle immer noch.

Ihr neues Album P R O ist dabei weit mehr als eine Hommage an Major Lazer oder DJ Snake («Dr Letscht Popsong (Gäubi Taxis im Sand»). Die wummernden Synthesizer, rasselnden Drumcomputer und digitalen Panflöten mögen bewusst überspitzt klingen, spielen aber genau mit jenem Mainstreampop, der von den Privatradios auch schweizweit zelebriert wird. Die ausgeklügelten Lyrics bereichern die eingängigen Melodien mit viel Poesie. Auch in ihrem neuen Video zur Single «Wosch no chli blibä» verknüpfen Jeans For Jesus mit einer Vielfalt an Einflüssen. Vom regionalen Chinarestaurant geht es via Autobahn über die Grenzen der Agglomeration in die Metropole, weiter mit der Metro von Bar zu Bar und zum Schluss per Flugzeug über Rio De Janeiro zum nächstgelegenen Sandstrand.

Dass Jeans For Jesus bei einem Majorlabel unter Vertrag sind, hat weniger mit Sell-Out, sondern vielmehr mit Chancen zu tun, von welchem andere Schweizer Künstler (leider) nur träumen können. Nicht, dass diese im Vergleich mit Jeans For Jesus völlig abfallen würden, doch bleibt ihnen damit die Chance, sich mit mehr finanziellen und strukturellen Möglichkeiten selbst zu verwirklichen, oft verwehrt. Zum physischen Kauf eines Album gibt es von den Berner Jungs dann auch eine hauseigene Unisex Fragrance – eine Art Nachduft, welcher auch nach mehrmaligem Hören des Albums noch an einem haften bleibt.

P R O erschien am Freitag, passend zum Beginn eines der wichtigsten und vielleicht auch überbewertetsten Klassentreffen, welches die Schweizer Musikszene zu bieten hat. Das Album findet sich auf Spotify zum Durchhören.

Teile diesen Post via


Veröffentlicht am 28. Januar 2017 von Simon Gwinner und Kilian Mutter in Neue Musik

Was macht einen guten Popsong aus und wer entscheidet, was Pop ist und was nicht? Können Schweizer überhaupt gute Popmusik produzieren oder kopieren sie nur was bereits auf dem internationalen Markt gut funktioniert und ankommt? Sind es die Musiker selbst, die Popsongs spielen wollen, die Labels, die sie dazu verdonnern, die Radios, welche die Songs spielen oder kann auch Pop sein, was nicht Pop per se ist? Eine vertieftere Auseinandersetzung mit dieser Thematik würden den Rahmen dieses Posts sprengen.

Auch Jeans For Jesus beschäftigten sich in den letzten zwei Jahren mit Fragen wie: «Wie schreiben Frauen und Männer eigentlich gute Popsongs? Solche, die wirklich gut sind und gleichzeitig ganz vielen Menschen gefallen?» Und dabei könnte man meinen, dass sie diese Fragen mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum, welches 2015 erschien, bereits beantwortet hätten. Die gesamte Schweizer Medienlandschaft war sich jedenfalls einig:

«Diese Mischung aus zeitgenössischem Sounds, welche international schon länger für Begeisterung sorgen, kombiniert mit authentischen Berner Lyrics, hauchen dem Mundart-Genre eine junge, frische, hippe Brise ein, die lange auf sich warten liess.» – Orange Peel

Von Feuilleton und Fans gleichzeitig geliebt, stellte sich für J4J umso mehr die Frage wohin es nun gehen solle. Ist es Zeit, die Musiklandschaft mit einem «sell out»-Album mit Chartpotential zu beglücken oder möchte man doch ambitioniert am Weg zu einem ganz eigenen Ziel arbeiten? Und was, wenn das Ziel eben doch gute Popmusik ist?

Nun stehen sie da: Gelbe Taxis im Sand, Städte im Sonnenuntergang, die Antwort bieten sollen auf viele dieser offenen Fragen. Und gleichzeitig fragen wir uns jetzt: «Hä, also meint ihr das jetzt wirklich ernst?»

Feuchtwarme Beats, zerhackte und gepitchte Vocalsamples und ein Text, der zwar gewohnt und bewusst ein wenig kryptisch erscheint, aber schon bald zum Mitsingen anzuregen weiss. Genau so, wie der tropische Electro-Pop sich innerhalb von zwei Jahren vom Szeneobjekt zum Mainstreamprodukt gemausert hat, liebäugeln auch Jeans For Jesus deutlicher als noch auf ihrem Debüt mit dem Sound, der derzeit die Welt regiert. Popsternchen wie Justin Bieber oder Überproduzenten wie Diplo werden hier – mit einem feinen Augenzwinkern notabene – auf musikalische Weise zitiert und gefeiert.


«Dr Letscht Popsong (Gäubi Taxis im Sand)» erzählt laut dem Pressetext die Geschichte eines ehrgeizigen Songwriters, der eine Tochter grosszieht, um ihr erst mit zwölf zum ersten Mal den Strand zu zeigen. Es ist die erste Single ab dem zweiten Jeans For Jesus Album P R O (31. März 2017, Universal Music) und vielleicht auch wirklich der letzte wahre Popsong der vier Berner. Wir werden es erfahren, jetzt heisst es aber erstmal Hände in die Luft, denn wer weiss schon was morgen kommt.

Teile diesen Post via